Geschichte der Familie
Die im Folgenden wiedergegebene Geschichte der Familie von Richthofen ist der biographisch strukturierten Festschrift „Praetorius von Richthofen, 1561-1961“, die im Namen des Familienverbandes 1961 von Dr. jur. Hartmann Freiherr von Richthofen (1912-1995) verfasst wurde, auszugsweise entnommen:
Praetorius von Richthofen
1561-1961
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...VOR OCULI 1561 erhielt ein gewisser Paulus Praetorius (1521-1565), gebürtig aus Bernau in der Mark, einen kaiserlichen Wappenbrief. Der Herkunft nach handelte es sich um einen ehrsamen Bürger evangelischen Bekenntnisses, der als Magister, dem Brauch der Zeit entsprechend, seinen schlichten deutschen Namen „Schultheiß" latinisiert hatte und gleich Philipp Melanchthon dem engeren Kreis um den großen Reformator angehörte. Der Augsburger Religionsfriede war noch nicht zehn Jahre alt. Das „cuius regio, eius religio" bestimmte die Stunde. Da war es für den Wiener Hof ein Gebot politischer Vernunft und diplomatischer Courtoisie, die hervorragendsten Geister protestantischer Territorien sichtbar auszuzeichnen - im vorliegenden Falle um so mehr, als Paulus Praetorius zu den Ratgebern des Brandenburgischen Kurfürsten zählte, dessen Regierungsgrundsätze er maßgeblich beeinflußte. Die Standeserhebung bedeutete daher zugleich eine Reverenz des Erzhauses vor dem Hause Hohenzollern.
URSPRÜNGLICH ein mittelloser Scholar, war der im Laufe eines bewegten Lebens zum Geheimen Kammerrat aufgestiegene Paulus Praetorius - zunächst als Erzieher, dann als politischer und juristischer Mentor der Markgrafen Friedrich und Sigismund - zu Ansehen und Besitz gelangt. In reiferen Jahren nannte er drei stattliche Güter sein eigen. Diese glückliche Verbindung sittlichen Ernstes, wissenschaftlichen Strebens und lebensnahen Erwerbssinns blieb bis in die Gegenwart Erbgut jener, die seinen Namen weitertragen sollten!
WENIGE JAHRE vor seinem Tode nahm Paulus Praetorius den Sohn eines frühverstorbenen Studienfreundes und Lutherschülers, des späteren evangelischen Predigers zu St. Nicolai in Potsdam, Sebastian Faber, an Kindes Statt an. Die gleichzeitige Übertragung von Namen und Wappen fand die kaiserliche Bestätigung (1562). Auf den begabten Jüngling, der sich fortan Samuel Praetorius (1543-1605) nannte, gingen sowohl des Erzeugers wie des Adoptivvaters religiöse Gesinnung und akademisches Denken über. Er lebte und wirkte in Frankfurt a. d. 0., wo er als Dekan und Syndikus die juristische Fakultät betreute und in seinen letzten Lebensjahren noch das hohe Amt eines Bürgermeisters der blühenden Handels- und Universitätsstadt bekleidete.
SEIN SOHN Tobias (1576-1644) verpflanzte das Geschlecht nach Schlesien. Entscheidend für diesen Entschluß und schicksalhaft für Aufstieg und Ausbreitung der gesamten Familie war seine Begegnung und Freundschaft mit Christoph Schaffgotsch, Freiherrn von Trachenberg. Die Schaffgotsche, seit Jahrhunderten in den Gebieten der Krone Böhmens ansässig, sympathisierten trotz ihres römisch-katholischen Glaubens mit den Bestrebungen der Reformation. Das sollte ihnen zum zeitweiligen Verhängnis werden. Tobias Praetorius, der durch das Vertrauen seines Freundes bereits zum Amtshauptmann der Herrschaft Schmiedeberg in Schlesien bestellt worden war, übernahm alsbald auch die Vormundschaft für dessen ältesten Sohn Hans Ulrich. Als dieser anfänglich in der kaiserlichen Gunst stehende und in den Grafenstand erhobene General wegen seiner Beziehungen zu Wallenstein in Ungnade fiel und 1635, der Untreue gegen Kaiser und Reich beschuldigt, unter Konfiskation seiner sämtlichen Güter in Regensburg enthauptet wurde, waren es Tobias und seine Söhne, die in den folgenden schweren Jahren durch Darlehen und auf andere Weise das über das Haus Schaffgotsch hereingebrochene Unglück zu mildern wußten. Immerhin findet sich auch hier wieder die eigentümliche Verschränkung von Pflichtgefühl und Geschäftssinn. Denn die Geldzuwendungen an die Deszendenz des hingerichteten Mündels erfolgten regelmäßig gegen Verpfändung Schaffgot'schen Außenbesitzes in Schlesien! Dieses „praetorianische" Hausmeiertum stellt also in gewisser Hinsicht und durchaus anderer Größenordnung eine Parallele zum Verhältnis zwischen Merowingern und Pippiniden dar. AUS DER späteren Rehabilitierung des in die Wallenstein'sche Verschwörung verwickelten Personenkreises zog die Familie Praetorius insofern mittelbaren Nutzen, als in Würdigung und Anerkennung der von ihr in Schlesien während des Dreißigjährigen Krieges geleisteten Aufbauarbeit Kaiser Leopold I. den ältesten Sohn des Tobias, Johann (1611 - 1664), am 29. Juli 1661 in den erblichen böhmischen Ritterstand unter dem Namen „Praetorius von Richthofen“ erhob.
DIE VERMÖGENSLAGE des Hauses besserte sich alsbald derart, daß die Söhne dieses ersten „Richthofen" bereits über sechzehn Rittergüter in Niederschlesien verfügten. Zwei seiner Enkel - beide mit Namen Samuel - wurden, der eine 1735 von Kaiser Karl VI., der andere1741 von dem neuen Landesherrn König Friedrich II. baronisiert. Ihres märkischen Ursprungs eingedenk, waren die Richthofen von Anbeginn erklärte Anhänger des protestantischen preußischen Königtums. Die harten Glaubensbedrückungen, denen sie mindestens zeitweilig unter dem kaiserlichen Regiment ausgesetzt gewesen waren, mochten sie in solcher Sinnesart noch bestärkt haben. Die letzten Standeserhöhungen - die Verleihung des nach dem Recht der Erstgeburt vererblichen preußischen Grafentitels an den Freiherrn Friedrich von Richthofen auf Kohlhöhe, durch seine Mutter ein leiblicher Vetter Königs Christian IX. von Dänemark, und an den Freiherrn Ulrich von Richthofen, Fideikommissherr auf Seichau - fielen in die Jahre 1846 bzw. 1913.
OBWOHL insbesondere der Siebenjährige Krieg den Familienbesitz nicht verschont hatte, wuchs die Zahl der Richthofen'schen Güter von dreiundzwanzig zu jener Zeit auf einunddreißig zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Auch die Folgen der napoleonischen Kriege wurden überwunden, wenngleich 1813 das Gut Groß-Rosen in Flammen aufging und die Schlacht an der Katzbach die Felder von Brechelshof verheerte, dessen Schloß am Schlachtabend das Hauptquartier Blüchers aufnahm.
TROTZ mannigfacher Veräußerungen und Verschiebungen, die aber durch den Wiedererwerb früher verlorener Sitze und neue Ankäufe ausgeglichen wurden, hielt sich der Umfang des Richthofen'schen Grundbesitzes im wesentlichen unverändert bis zur Katastrophe des Jahres 1945 - allerdings in seinem Wert durch großzügige industrielle Anlagen erheblich gesteigert. Das bedeutendste Unternehmen dieser Art war die von den Brüdern
Karl Freiherr von Richthofen auf Damsdorf,
Ulrich Freiherr von Richthofen auf Barzdorf,
Bolko Freiherr von Richthofen auf Groß Rosen und
Ernst Freiherr von Lichthöfen auf Brechelshof
im Jahre 186o gegründete Zuckersiederei Gutschdorf. Bei dieser Gründung stand wohl vor allem der volkswirtschaftliche Gedanke Pate, sich die Kontrolle über den Weg der Zuckerrübe vom Anbau bis zum Endverbrauch zu sichern und einen verteuernden Zwischenhandel tunlichst auszuschalten. Die richtungweisende Leistung der vier Brüder, die in ihren Söhnen würdige Nachfolger fanden, und die Prosperität des Unternehmens beweisen, wie viel gesunder - an rheinische und hanseatische Vorbilder gemahnender - Kaufmannsgeist gerade auch in diesen, so oft als „Krautjunker" verspotteten schlesischen Landwirten lebendig war.
DER SCHWERPUNKT des Richthofen’schen Besitzes lag in den Kreisen Liegnitz, Jauer und Striegau, so daß der Minister von Maybach die Strecke Liegnitz - Königszelt die „Richthofen-Bahn" und den ganzen Bezirk als „Königreich Richthofen" zu bezeichnen pflegte. Die glückliche Entwicklung der Besitzverhältnisse allein würde es indessen kaum rechtfertigen, dem Geschlecht eine so außergewöhnliche Beachtung zu schenken. Die Eigenart und Bedeutung der Richthofen beruht vielmehr auf ihrem allzeit bekundeten geistig und sittlich hohen Streben, dem äußerer Wohlstand und soziale Stellung nur als Ansporn zu stets erneuter Bewährung dienten. Von dem gelehrten bürgerlichen Freundespaar, das die leibliche und geistige Vaterschaft des Geschlechts in einer Zeit begründete, da aus der Not des deutschen Gewissens das große Reformationswerk erwuchs, pflanzte sich gleichsam ein vertiefter ernster Zug durch die Generationen fort, der sich auch der äußeren Lebensführung der Familie mitteilte und ein Richthofen’sches Haus von manchem anderen Landadelssitz merklich und vorteilhaft unterschied. Bezeichnend für den Unabhängigkeitssinn des seßhaften Geschlechts war es vielleicht auch, daß es sich vom Hofdienst stets fernhielt.
ES WÜRDE zu weit führen und den Rahmen einer Festschrift sprengen, wollte man im einzelnen der unzähligen Männer und Frauen gedenken, die in den ersten dreihundert Jahren nach der Standeserhebung des Ahnherrn den Familienbesitz durch Umsicht und Tatkraft zu erhalten und zu mehren verstanden.
VON DER Mitte des vorigen Jahrhunderts an treten jedoch in dichter Folge jene scharf profilierten Persönlichkeiten auf, die den Namen „Richthofen“ aus dem provinzialen Bereich in das Bewußtsein der ganzen Nation und schließlich der Welt heben sollten. Gleichviel, ob es sich nun um den Rechtsgelehrten Karl von Richthofen (1811 - 1888) handelt, der sich mit seinen „Friesischen Rechtsquellen“ in den MONUMENTA GERMANIAE, der vom Reichsfreiherrn vom Stein begründeten Sammlung deutscher Altertümer, ein unvergängliches Denkmal setzte, oder um den Berliner Polizeipräsidenten, den Hagestolz Bernhard von Richthofen (1836-1895), der mit dem geflügelten Wort „die janze Richtung paßt uns nicht“ die klassische Begründung für sein Aufführungsverbot von Sudermanns „Sodoms Ende“ und Hauptmanns „Weber“ lieferte oder gar um den Gesandten Emil von Richthofen (1810- 1895), der nicht nur eine dickleibige Familiengeschichte schrieb und sich mit Publikationen über „Die Medizinaleinrichtungen des Preußischen Heeres“, „Die äußeren und inneren politischen Zustände der Republik Mexiko“ und „Zur Gymnasialreform in Preußen“ einen Namen machte, sondern vor allem mit einer Dissertation „Über den Haushalt der Kriegsheere“ das für das preußisch-deutsche Intendanturwesen maßgebliche Werk verfaßte!
Dieser Emil von Richthofen war es übrigens auch, der sich für seinen Vater, sich selbst und seine Brüder den von Vettern anderer Linien bestrittenen Freiherrntitel durch Allerhöchste Kabinettsorder ausdrücklich bestätigen ließ. Den Erfolg seiner Eingabe verdankte er wohl weniger rechtlichen Argumenten als vielmehr seiner gewaltigen Überzeugungskraft und der Gutmütigkeit Friedrich Wilhelm IV. Dieser romantisch-versponnene Monarch wollte offenbar einem bewährten und treuen Diener der Krone eine Bitte nicht abschlagen, möglicherweise aber auch ein Unrecht wiedergutmachen, das einst der Soldatenkönig gegenüber einem mütterlichen Vorfahren des Petenten begangen hatte:
Friedrich Wilhelm I. hatte für den Kronprinzen Friedrich dem Oberstleutnant Henri le Chevenix de Béville unter massivem Druck die Herrschaft Rheinsberg in der Grafschaft Ruppin zu einem Spottpreis abgenommen und damit wesentlich zu dem - im übrigen allerdings selbstverschuldeten - wirtschaftlichen Zusammenbruch des in die Familie de Béville eingeheirateten Großvaters Emil von Richthofens beigetragen. - Das volle Ausmaß seiner Verantwortungsfreude sollte der willensstarke Mann am Vorabend des Deutschen Krieges (1866) unter Beweis stellen. Hätte sich der damalige preußische Gesandte bei den Hansestädten und den Mecklenburgischen Höfen nur an seine Instruktion gehalten, wäre Hamburg den Weg Frankfurts gegangen und hätte auch die Freie und Hansestadt ihre staatsrechtliche Souveränität und Unabhängigkeit verloren. Der Senat, zur Vertretung Hamburgs nach außen allein legitimiert, hatte die Gretchenfrage „wohlwollende Neutralität gegenüber Österreich oder Waffenhilfe für Preußen“ bereits zu Gunsten der Hofburg entschieden. Da suchte der preußische Gesandte aus eigenen Entschluß zu mitternächtlicher Stunde den ihm befreundeten Präsidenten der Bürgerschaft auf, die man in dieser Sache nicht gehört hatte (verfassungsrechtlich auch nicht zu hören brauchte) und führte ihm den ganzen Ernst der Lage vor Augen. Der kluge Mann verstand, tat was seines Amtes und ließ durch Mehrheitsbeschluß der ad hoc einberufenen Bürgerschaft kurzerhand die Resolution eines weniger weisen Senats kassieren. Die Herren Kunhardt und von Richthofen hätten wahrlich in Hamburg ein Denkmal verdient!
EMILS SOHN Oswald (1847-1906) - weniger gedankenreich als der Vater, aber von Bismarck geschätzt und gefördert - diente sich in entsagungsvoller Arbeit zu den höchsten Ämtern empor, wurde Deutscher Staatssekretär des Auswärtigen und Preußischer Staatsminister. Er trug schwer an seiner Verantwortung und zerbrach schließlich an der Faulheit - und der Fäulnis - des Fürsten Bülow und der Intrige des Geheimrats von Holstein. Daß der äußerlich unscheinbare Mann zugleich ein tapferer Soldat war, bezeugte der Oberste Kriegsherr im Beileidstelegramm an die Söhne:
„...Unvergessen wird auch stets bleiben, wie der damalige Leutnant die Fahne des II. Regiments bei Mars la Tour zum Siege trug.“
DER MIT Abstand bedeutendste all dieser geistig regsamen Männer war Ferdinand von Richthofen (I833-1905), der zusammen mit Alexander von Humboldt und Carl Ritter das strahlende Dreigestirn deutscher erdkundlicher Wissenschaft bildet, in vieljährigen Reisen ganz China erforschte, die Entstehung der fruchtbaren Hochebenen Innerasiens zutreffend auf Staubverwehungen zurückführte und überhaupt geomorphologische Axiome aufstellte, die heute noch Gültigkeit haben. Über die Ausnahmeerscheinung dieses wahren Fürsten der Wissenschaft mag sein populärster Schüler, der Schwede Sven Hedin, Auskunft geben:
„...Wie in seiner Rede und Denkweise, so war Richthofen auch dem Äußeren nach eine seltene Gestalt, hochgewachsen, würdig wie ein Erzbischof, majestätisch wie ein König, vornehm und edel wie ein Aristokrat. Er war eine im höchsten Grade imposante und achtunggebietende Erscheinung. Seine seelischen Eigenschaften, seine tiefreligiöse Auffassung, seine Gelehrsamkeit und sein Genie waren Zeichen des höchsten Adels der Menschlichkeit. Im Laufe der Jahre bin ich mit vielen an Rang, Gelehrsamkeit und Berühmtheit hervorragenden Persönlichkeiten zusammengekommen. Aber keine machte auf mich einen tieferen, gewaltigeren und nachhaltigeren Eindruck als Ferdinand von Richthofen, und in keines anderen Menschen Nähe habe ich mich kleiner und unbedeutender gefühlt. Er besaß Charakterzüge und Eigenschaften, die bei den Menschenkindern höchst selten, um nicht zu sagen, gewöhnlich überhaupt nicht vorhanden sind. Ehrgeiz war für ihn ein unbekannter Begriff. Der allgemeinen Beliebtheit, der andere nachjagten, stand er gleichgültig, kalt und vornehm gegenüber. Für Auszeichnungen und Lob war er unempfindlich. Er war ein Bahnbrecher großen Ausmaßes, aber das durfte man niemals durchblicken lassen, dann wurde er still und wählte einen anderen Gesprächsstoff. Seine Weltberühmtheit hatte nur in der Wissenschaft und bei den Gebildeten Heimatrecht, das Volk kannte ihn nicht. Er überragte alle um Haupteslänge. Neid, Mißgunst und kleinliche Gesinnung fanden in seiner Seele keinen Raum, für Erfolge anderer hegte er Befriedigung und Bewunderung.“
AUS DER jüngeren Generation waren es vor allem der Vizepräsident des Reichsgericht Dieprand von Richthofen (1875 1946) und der in russischer Haft verstorbene Gesandte Herbert von Richthofen (1879-1952), die den Geist wissenschaftlich geschulten deutschen Beamtentums vorbildlich verkörperten.
BEDENKT MAN, durch welche Zeiträume sich die Richthofen als Gelehrte und Gutsherren oder im Staats- und Verwaltungsdienst auszeichneten, so nimmt es demgegenüber fast wunder, wie verhältnismäßig spät sie das Waffenhandwerk als Beruf erkoren - dann allerdings mit umso größerem Elan und Nachruhm.
DIE REIHE der großen Soldaten in der Familie eröffnet der ältere Manfred (1855-1939), Kommandeur der Gardes du Corps. Bei der bekannten Einstellung Wilhelms II. mochte für die Ernennung das prachtvolle Exterieur des ehemaligen kaiserlichen Flügeladjutanten mit ins Gewicht gefallen sein, aber „der schönste Offizier des schönsten Regiments der Christenheit“ war doch zugleich auch ein bewährter und begeisternder Truppenführer. Ohne den heldenmütigen Einsatz des von ihm befehligten Kavalleriekorps würde dem in die Kriegsgeschichte als „Löwe von Brzeziny“ eingegangenen General Litzmann der berühmte Durchbruch in der Nacht vom 23. auf den 24. November 1914 schwerlich gelungen sein.
VOM ANDEREN - jüngeren -Manfred (1892-1918) zu berichten, erscheint müßig. Seine Taten kennt die Welt! Und doch verlohnt es vielleicht, einen Augenblick dem Zauber nachzudenken, der vom Roten Kampfflieger ausgegangen ist. Als sich nach dem 21. April 1918 die Nachricht von seinem Tode verbreitete, trauerte die ganze Nation - umso erstaunlicher, als es zu jener Zeit kaum mehr eine deutsche Familie gab, die nicht einen kriegsgefallenen Gatten, Vater, Sohn oder Bruder zu beklagen gehabt hätte. Es ist kein Zweifel, daß Manfred von Richthofen der in mystischen Bereichen wurzelnden Vorstellung des deutschen Volkes von der Wiederkehr eines jung Siegfried in der Stunde äußerster nationaler Gefahr vollständig entsprach. Aber auch in einem anderen Sinn bleibt der Sieger in achtzig Luftgefechten ein unwiederholbares historisches Phänomen: er war Übergang, zugleich Ende und Beginn - ein letzter Ritter, der in fast mittelalterlichen Formen noch den Zweikampf, das Turnier, pflegte und sich dabei doch schon einer Waffe bediente, die dem heraufziehenden technokratischen Zeitalter der Massenvernichtungsmittel angehörte. (...)
DER DRITTE große Soldat unter den Richthofen war Wolfram, „Ulf“ gerufen (1895 - 1945). Schon seine Physiognomie, das stark hervortretende Jochbein, die kühlen, wachsam prüfenden Jägeraugen, die wie zum Pfiff geschürzten schmalen Lippen offenbarten den eigenwilligen Charakter. Richthofen schuf und hielt Distanz zwischen sich und seiner Umgebung, zu den Untergebenen, Mitarbeitern, Vorgesetzten. Es ist überliefert, daß selbst Adolf Hitler, der von seiner Generalität einigermaßen verächtlich dachte, das unabhängige und oft ironisch gefärbte Urteil dieses (...) Offiziers fürchtete und den Begegnungen mit ihm nach Möglichkeit auswich. Und eben weil sein ganzes Wesen eine menschliche Beziehung erschwerte, wußten es Wolfram selbst und die anderen, daß er seine beispiellose militärische Laufbahn - er war der jüngste Feldmarschall der Wehrmacht - ausschließlich der eigenen Leistung (...) verdankte.
NACH DEN Soldaten sei in wenig Worten jener Männer gedacht, die aus innerer Berufung und nationalem Verantwortungsgefühl das „garstig“ Lied sangen - an der Spitze die Gäbersdorfer Brüder Siegfried (1853-1938) und Hermann (I860-I9I5)! Beide vertraten die Belange der Heimatprovinz - der Ältere als Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, der jüngere als Landeshauptmann - mit Verve und Nachdruck, ohne dabei je das große Ganze aus dem Auge zu verlieren. Ebenbürtig stand ihnen Ernst von Richthofen - Mertschütz (1858-1933) zur Seite, der den konservativen Gedanken in den Provinzial- und Landesparlamenten einsatzfreudig verfocht. Der Letzte in der Reihe dieser, altpreußischer Überlieferung verpflichteten Männer war der langjährige deutschnationale Reichstagsabgeordnete und Führer des Landbundes Praetorius (1879-1949), der nicht nur die theoretischen Erkenntnisse der Agronomie auf seinem Mustergut Boguslawitz zu Nutz und Frommen der ganzen deutschen Bauernschaft praktisch erprobte, sondern sich auch durch die innerparteiliche Auseinandersetzung mit Alfred Hugenberg politisches Verdienst erwarb.
GLEICHSAM DER Antipode all dieser schlesischen Tories war ihr entfernt verwandter Vetter Hartmann (1878-1953), zweitgeborener Sohn des Staatssekretärs. Als Liberaler von internationalem Rang und Ruf, der zeitlebens ein Rebell und im Verhältnis zur Gesamtfamilie ein Außenseiter bleiben sollte, machte er vor allem im Ersten Weltkrieg und in den Anfängen der Weimarer Republik von sich reden - nach dem Urteil des österreichischen Historikers Karl Tschuppik „der einzige politische Kopf des Reichstags”. Ein Meister der deutschen Sprache, war Richthofen zugleich ein erfolgreicher Bühnenautor, dessen „Staatskanzler” im Berliner Theater am Nollendorfplatz an die hundertmal über die Bretter ging. Vom Leben und Wirken des viel verkannten Mannes wäre andernorts mehr zu sagen. Hier seien stellvertretend ein paar schmucklose Verse hingesetzt, die sich in seinem Nachlaß fanden und die er - selbst ein unmittelbar Bedrohter - in den dunkelsten Tagen nationalsozialistischer Willkürherrschaft aufs Papier geworfen hatte:
Ich flehe nicht um langes Leben,
Ich bin bereit dahinzugehn –
Nur einen Tag laß mich erleben,
Den Tag der Freiheit laß mich sehn!
Du hast die Macht - o zeig Dich gnädig!
Greif in den segensreichen Born!
Wenn wieder wir der Fessel ledig,
Der freien Rede heil'ger Zorn
Weithin durchbraust die deutschen Gaue,
Wenn hinsinkt des Tyrannen Macht,
Wenn jeder Mann und jede Fraue
Zu neuem Stolze sind erwacht,
Wenn wieder über die Materie
Der Geist lebendig triumphiert,
Der Mensch was gilt, nicht nur die Serie,
Recht und Gesetz im Staat regiert,
Wenns Richter wiedergibt auf Erden,
Die auf Dich schaun und nicht aufs Brot,
Wenn wieder frei die Armen werden
Von Stacheldraht und Seelennot,
Wenn jammervoller Größenwahn
Erkannt daß Du nicht mochtest irrn,
Als Du den gleichen Stoff getan
In jedes Menschen Blut und Hirn,
Wenn endlich dann was schlecht ist „schlecht“
Was gut ist „gut“ wieder genannt
Und nimmermehr, weils wem nicht recht,
Auf Scheiterhaufen wird verbrannt –
Dann mag die Rache bleiben Dein,
So wie Du willst soll es geschehn!
Wenn wir uns unsres Sieges freun,
Soll allen unsre Fahne wehn!
Nicht auf Befehl in Glied und Reihn,
Nicht auf Kommando wolln wir stehn –
Nein! Einig, still, im Fackelschein
Wolln dankbar wir des Weges gehn
Und uns der Menschheit Würde weihn,
Die neugeborn aus schweren Wehn:
So soll der Tag der Freiheit sein –
Grundgütger Gott, den laß mich sehn!
ER HAT ihn noch gesehen, auch wenn er ihn sich anders erhofft haben mochte. Als endlich der Tag der Freiheit anbrach, war die Reichseinheit vertan, für die Hartmann von Richthofen aus tiefer Einsicht in das Wesen der Bismarck'schen Schöpfung immer gefürchtet und ein Leben lang gewirkt hatte.
DEN REIGEN höchst eigenwilliger Persönlichkeiten eines von der Kulturlandschaft Schlesiens geprägten Geschlechts mag eine Frau beschließen: Frieda von Richthofen (1879-1956), D. H. Lawrence' kongeniale Lebensgefährtin - die Erste Lady Chatterley seines berühmtesten, in die Weltliteratur eingegangenen Romans.
DER JUNGEN Generation aber sei die Erkenntnis vermittelt, daß die Großen unter den Richthofen stets das persönliche Glück dem Gemeinen Wohl geopfert und Auftrag und Werk allem anderen vorangestellt haben! ...




